Bewege Dich schnell / move fast haben Kirchenmanager als Lernfeld bei einem Besuch von globalen Playern und Start-Ups im Silicon Valley mitgenommen (siehe Frage der Woche (KW 45-2017 auf evangelisch.de). Aber muss Kirche überhaupt schnell sein wie die großen und kleinen Techies? Und wenn ja, in welchen Bereichen? Was wäre der Vorteil? Oder steht Kirche für Kontinuität und Entschleunigung, als Gegengewicht und Anker in unserer schnelllebigen Zeit? Ich merke sofort, dass sich Kirche in einem Spannungsfeld befindet und die Übersetzung von Schnelligkeit nicht sofort auf der Hand liegt.

Treten wir einen Schritt zurück und werfen einen Blick in den Schmelztiegel der Innovation: Für Technologie-Unternehmen gilt, wer nicht agil ist in einer Welt, die sich teilweise exponentiell verändert, droht abgehängt zu werden. Um dem Anspruch „move fast“ etwas Kontext zu geben filtere ich die aus meiner Sicht wesentlichen Trigger für die Notwendigkeit von „move fast“:

TRIGGER 1: DER ENABLER

Computing Power: Eine nicht unerhebliche Rolle spielt, wenn wir von Geschwindigkeit im Tech Sektor sprechen, das Mooresches Gesetz. Moore war Intel Mitgründer und er sagte voraus, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise mit minimalen Komponentenkosten alle 24 Monate verdoppelt.

Unter Komplexität verstand Gordon Moore die Anzahl der Schaltkreiskomponenten auf einem integrierten Schaltkreis. Mit meinen eigenen Worten: Mikrochips sind echte Killer geworden. Diese technische Entwicklung bildet eine wesentliche Grundlage der „digitalen Revolution“.

Schauen wir uns die konkrete Bedeutung auf der Zeitleiste an: Zehn Jahre vor dem iPhone Launch kostete der erste Computer $55m (Asci Red, 1.3 Teraflops; Flops ist ein Akronym aus dem Englischen und steht für „Floating Point Operations Per Second“. Auf Deutsch bedeutet das „Gleitkomma-Operationen pro Sekunde“.). 2006 hatte eine Sony Playstation für €499 bereits mehr Kapazität (PS3, 2,1 Teraflops). Innerhalb von 9 Jahren wurde ein Computer von nationaler Dimension Normalität in deutschen Haushalten.

Unter diesem Link findest Du einen super-kleinen, programmierbaren Minicomputer für €5,66, den Raspberry Pi Zero (191 Megaflops). Der hat mehr als doppelt so viel Rechenpower, wie die NASA in den Siebzigern, um die Mondlandung zu bewerkstelligen.

TRIGGER 2: UX

User Experimente (UX). UX oder Nutzererfahrung ist nicht zwingend mit dem Thema Geschwindigkeit in Zusammenhang zu bringen, aber im Bereich Technologie davon auch nicht zu trennen. Apple schaffte durch die Verbindung von exklusivem Design und einem intuitiven Produkterlebnis ein Kultobjekt, dessen Jünger nicht nur bereit sind, vor einem Launch vor dem Flagship Store zu übernachten, sie sind auch bereit fast jeden Preis zu bezahlen. UX und Computing Power sind eng verzahnt und entfalten im Smartphone ihren ganzen Charme. Ein Supercomputer im Taschenformat, den ich immer dabei haben kann. Siri bzw. Sprachsteuerung allgemein zündet die nächste Stufe UX. Darauf gehe ich beim nächsten Trigger (Künstliche Intelligenz) noch stärker ein.

Vor etwas mehr als 10 Jahren im August 2007 hat Steve Jobs das iPhone vorgestellt. Nokia, die eher auf Funktionalität ausgerichtet waren, war seinerzeit der Platzhirsch. Für Business Leute gab es Blackberry. An die Nokias zumindest können sich alle, die vor 1990 geboren sind, noch gut erinnern, richtig? Ein Jahrzehnt reicht offensichtlich aus, um eine ganze Branche auf den Kopf zu stellen.

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(Bild: Google)

TRIGGER 3: KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI)

Erst im März diesen Jahres besiegte die Künstliche Intelligenz AlphaGo, eine von der Google-KI-Schmiede DeepMind entwickelte Software, den bis dahin als unbesiegbar geltenden koreanischen Weltmeister Lee Sedol. Go ist das schwerste Brettspiel der Welt (Bild oben) und wird vor allem in Asien gespielt. Die Spieler setzen abwechselnd ihre Steine in weiß und schwarz auf einem Brett mit 19 mal 19 Feldern. Das Ziel ist es, Steine des Gegners einzukreisen und so mehr Fläche als er auf dem Spielfeld zu erobern. Wer mehr als die Hälfte des Bretts eingenommen hat, gewinnt.

Doch schon eine halbes Jahr später, im Oktober 2017 sehen auch die Fähigkeiten von AlphaGo eher bescheiden aus, denn der Nachfolger AlphaGo Zero spielt noch besser. Viel besser. AlphaGo Zero gewinnt nahezu jede Partie gegen seinen Vorgänger. Nur einige Trainings haben gereicht, um mehrere Millionen Partien gegen sich selbst zu spielen – und deutlich besser zu sein als der Vorgänger und jeder andere Go-Spiel, ob menschlich oder digital.

AlphaGo haben noch Menschen antrainiert: Sie haben das KI-System mit Spielsituationen von Go-Gurus gefüttert. Die Software hat die Spielzüge genau analysiert und Lehren daraus gezogen. „Supervised Learning“ nennen das die Experten. Das KI-System lernt zwar selbständig und probiert auch viel aus, aber wird sozusagen betreut. Das ist beim neuen AlphaGo Zero anders. AlphaGo Zero greift erstmals nicht auf menschliches Expertenwissen zurück. Das neue System kennt nur die Spielregeln, mehr nicht.

Nochmal zusammengefasst: Über Jahrhunderte haben sich Spielstrategien vom Brettspiel Go, das um ein Vielfaches komplexer ist als Schach, bewährt und wurden weiter entwickelt. Der amtierende Weltmeister wurde von AlphaGo, einem Supercomputer geschlagen. Das „Update“ AlphaGo Zero spielt in ein paar Tagen mehrere Millionen Partien und ist dann seinem Vorgänger und dem Weltmeister sowieso überlegen, braucht nur noch die Spielregeln. Wir schreiben das Jahr 2017.

KI findet Anwendung z.B. in selbstlernenden Sprachassisten und selbstfahrenden Autos. Das Benzin sind extrem viele Daten und der Motor die sogenannten Supercomputer.

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Die Technologiebranche steht an der Speerspitze einer Revolution, die bereits in unserem Leben Einzug hält (Staubsauger Roboter, Alexa) und zurecht kontrovers diskutiert wird. Wir leben in der Zeit, in der die Kapazität der Computer erstmals die menschliche Intelligenz überholt und den Menschen nicht nur am Steuer ersetzen könnten. Völlig klar, dass hier politische und ethische Fragen aufkommen.

Das in Mountain View, Kalifornien anssäsige Singularity Univercity rät zum „Exponential Thinking“ als neues Mindset und Antwort auf globale Probleme. Hier ein Auszug von der Homepage:

We empower a global community with the mindset, skillset, and network to create an abundant future. Join us on a transformative journey from inspiration to impact, and discover what being exponential means to you.

Was bedeutet nun das aufkommende Zeitalter der KI für die Kirche? Gibt es analog zu Supercomputern, UX und Künstlicher Intelligenz kirchenspezifische Trigger? Oder sollte man vielleicht erst mit den Triggern anfangen, die Kirche langsam machen? Ich empfehle einen Blick auf die folgende Untersuchung:

Global-Disruption-Map

Kirche betrifft die Digitale Tranformation wie die Branchen im Quadraten rechts unten: später als die meisten (lange Lunte) und nicht so substantiell (kleiner Knall). Und damit wir uns richtig verstehen, es geht um fast alles – wie Kirche arbeitet, interagiert, kommuniziert usw. Social Media ist ein Feld unter vielen anderen.

In Bezug auf ihre Kern-Mission sollte Kirche Kontinuität und Kante zeigen, in den Formen diese zu den Menschen zu bringen schneller, kreativer werden und die User Experience verbessern, das wäre mein persönliches Fazit zum Thema Speed & Kirche. Dazu folgende Fragen zum Nachdenken:

Was müsste sich ändern, damit Kirche in Deutschland exponentiell wächst?

Wie müsste ein Gottesdienst aussehen, damit Menschen vor der Kirche übernachten, um dabei zu sein?

PS: Ein Gottesdienst ist kein iPhone, das hinkt, ist schon klar. Aber ruhig mal durchspielen, denn vielleicht ergeben sich dadurch Ideen, die das kirchliche Leben näher an den Menschen und seine Bedürfnisse zu bringen.

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