Ich schreibe hier immer noch Gedanken zum Artikel bzw. zur Frage der Woche (KW 45-2017) auf evangelisch.de auf. Heute der letzte Teil.

Von der „user-centricity“ hängt so viel an, wenn es um den Erfolg eines Produktes oder einer Dienstleistung geht. Mit dem Blogpost zu Design Thinking habe ich bereits einen führenden Ansatz aus der Privatwirtschaft vorgestellt, sich diesem Thema zu nähern. Als deutsches NGO würde man sicher eher von „den Menschen in den Mittelpunkt stellen“ sprechen. Aber wir gehen ja vom Silicon Valley aus und daher benutze ich hier auch englische Varianten.

Gehen wir die Sache mal ganz praktisch an und buchstabieren „focus on the user“ an der Aufgabenstellung durch, das Kirche wieder stärker in Kontakt mit jungen Menschen treten möchte. Da gibt es hunderte Möglichkeiten, aber mir geht es im folgenden darum, dass Prinzip „focus on the user“ zu adaptieren. Als Rahmen dient das Design Thinking Konzept (siehe auch Blogpost Teil 3) – stark verkürzt und vereinfacht. Dieser kreative Ansatz ist im Silicon Valley beliebt und hat als Ausgangspunkt die Situation des Nutzers.

1. Am Nutzer / Menschen orientiert (focus on the user):

Wir fangen also nicht mit dem Nachwuchsproblem der Kirchen an. Wir schauen zuerst auf die Lebenswelt von Jugendlichen. Es gibt frei zugängliche Studien zur Lebenswelt von Jugendlichen, ich bin bei dieser aus 2017 vom BR hängen geblieben. Oder die Sinus-Studie von 2016, die u.a. besagt, dass die 14- bis 17-Jährigen an Sinnfragen interessiert sind. Auf spiegel.de findet man ebenfalls eine Zusammenfassung der Sinus-Sudie, unter anderem mit diesen Aussagen zu Glaube & Religion:

  • Egal ob christlich, muslimisch oder konfessionslos – generell interessieren sich Jugendliche sehr für die Fragen des Lebens: Woher kommen wir, wohin gehen wir nach dem Tod, was ist gerecht und moralisch?
  • Allerdings haben diese Fragen mit Kirche und Gottesdienst oft wenig zu tun. Der Trend geht zum individuell zusammengestellten „Patchwork aus vielen religiösen, quasireligiösen und spirituellen Angeboten“.

Neben Glaube aus multiplen Quellen (zu denen die Kirche offensichtlich eher selten gehört) sind es Liebe und Partnerschaft, Umweltschutz, Flüchtlinge sowie Identität und Herkunft. Verändert hat sich vor allem die Mediennutzung.
Tipp: Zusätzlich zu den Studien kann man natürlich auch Stichproben in Form von qualitativen Interviews o.ä. durchführen, was in der Regel immer hilfreich und erkenntnisreich ist.

Wie geht man nun konkret weiter vor: Aus den o.g. Themen sucht man sich eines heraus und filtert eine Problemstellung heraus. Ich greife mal das Thema Mediennutzung auf und setze an zwei Punkten an, die für Teenager kritisch sind. Der nächste Schritt ist die Formulierung eines realen Problems, das den Ausgangspunkt unseres Design Thinking Ansatzes bildet.

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a) „Wenn Teenager unterwegs sind und wenig / keinen Akku auf ihrem Handy mehr haben werden sie nervös und fühlen sich unvollständig.“

b) „Ohne kostenlose Wlan-Verbindung laufen Jugendliche, die unterwegs sind und keine echte Flatrate besitzen Gefahr, ihr oft begrenztes, mobiles Datenvolumen schnell aufzubrauchen. Die Konsequenz ist eine Drosselung der Datennutzung.“

2. Getrieben von Möglichkeiten

Für zentral gelegene Kirchen in Ballungszentren / Innenstädten sehe ich folgende Opportunitäten, diesen Problemen zu begegnen:

– Mobile Ladestation mit oder ohne persönlichem Klönschnack

– Feste Ladestation mit Schließfach

– Gebrandeter Powercharger mit Landingpage Aufdruck („chargeyourlife.info“) als Geschenk

– Gebrandeter Powercharger mit Landingpage Aufdruck („chargeyourlife.info“) im Verleih für 30-60 Minuten

– Solarbetriebene Ladestation nur bei schönen Wetter

Anmerkung: Es ist alles möglich im Prozeß des Design Thinking. Also Anmerkungen, dass ist viel zu teuer o.ä. Einwände bitte vorerst zurückstellen.

– Gratis Wlan per Beacon, QR-Code oder Registrierung anbieten: Schalte eine Stunde Gratis Wlan frei indem du dir ein Video anschaust (Kurze! Botschaft vom Jugendpfarrer o.ä.). Oder eine Follow auf Instagramm oder Snapchat, Mitglied Whatsapp-Gruppe oder eine Emailadresse.

3. Iterativ arbeiten

Es spielt keine Rolle, für welche Variante sich der Pfarrer, die Pfarrerin oder der Priester mit seinem / ihrem Team entscheidet. Wichtig ist loszulegen, Erfahrungen zu sammeln und im Zeitverlauf besser zu werden.

Der Deal zusammengefasst ist ungefähr dieser: Ich, die Kirche löse dein Problem und du nimmst dafür Kontakt mit mir in Kauf, digital oder persönlich. Zu Beginn steht schon mal eine positive Assoziation mit Kirche: “ Danke, dass ich meinen Akku bei euch aufladen darf. Ich muß dringend snappen!“ Dieser Eindruck darf nicht ausgenutzt werden, indem man überzogene Forderungen damit verbindet. Es sollte sich am Marktüblichen orientieren, z.B. an Starbucks, ein beliebter Hot Spot mit kostenlosem Wifi (und teurem Latte). Und ja, datenschutztechnisch muß alles blitzsauber sein.

Wenn ich an unsere Hamburger Hauptkirche St. Jacobi in der Mönckebergstraße denke, da laufen sicher Dutzende Teenies pro Tag vorbei. Mit Akkuproblemen 2-3 pro Tag vielleicht und Wlanjunkies 50? Anyway, es geht ja nur darum mal an diesem Beispiel zu zeigen, wie Nutzerorientierung funktioniert und wie man sich mit Design Thinking einen Prototypen ausdenkt.

+++

Einigen dürfte das Projekt godspot bekannt sein. Godspot ist ein kostenfreies, offenes Wlan-Angebot der Kirchen in Berlin und Brandenburg. Hier wurde „focus on the user“ umgesetzt und unter anderem auch für Flüchtlinge ein echtes Problem gelöst. Es wäre spannend zu erfahren, welche Learnings gemacht wurden und ob – im Sinne der Iteration des Design Thinkings – Verbesserungen seit dem Start letztes Jahr vorgenommen wurden.

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