Eine Selbstreflektion: so banal und so wichtig.

Journey

Es ist ja immer sehr hilfreich, wenn man die Perspektive wechselt*. Und so habe ich eine wichtige Lektion gelernt, als ich in Dublin einen unbekannten Gottesdienst besucht habe. Über die erste Lektion blogge ich bestimmt später nochmal: Die Gemeinden, die Neulinge mit 3 oder mehr Handschlägen vor dem Gottesdienst begrüßen, wachsen überdurchschnittlich stark. Die zweite Lektion ist für einen Digitalen Nerd nicht leicht zu verdauen: Digitale Kirche*“ ist nur ein kleines Mosaiksteinchen von einem Gesamterlebnis. Ich bin mir bewusst, dass ich natürlich nur einen kleinen Ausschnitt betrachte. Der hat Gültigkeit für die, die neu in eine Stadt ziehen oder wie wir, ein paar Tage Urlaub machen und Sonntag einen Gottesdienst besuchen möchten. Wahrscheinlich ist unsere Erfahrung eine, die man in vielen Großstädten und weniger auf dem Land macht.

* McKinsey Quartely (Jan 2015): What really matters                                                                                                                                              **Digitale Kirche verwende ich hier im Sinne von digitaler Kommunikation – was nur ein kleiner Teilbereich ist, ja.

1. Sichtbarkeit ist die Eintrittskarte

„Heute könne Technologie dafür sorgen, dass Menschen online Wegweiser zu kirchlichen Angeboten finden.“ sagt Jonas Bedford-Strohm im Kontext von Sichtbarkeit und Kirche. Und tatsächlich, genau so war’s! Die Geschichte beginnt an einem Sonntagmorgen Ende Juli…

Spontan entscheiden wir, heute in die Allnations Kirche in Dublin zu gehen. Der Gottesdienst fängt um 11 Uhr an, das erhöht die Chance unseren 19-jährigen Sohn dabei zu haben. Hauptgrund ist aber, dass meine Frau ein Dutzend Kirchen in Dublin gegoogelt hat und die Website der allnations.ie am spannendsten, am modernsten fand. Das der Gottesdienst in der Nationalen Boxing Arena stattfindet ist das Sahnehäuptchen.

2. Das Erlebnis steht im Mittelpunkt

Die Boxarena ist gut zu finden, wir sind trotzdem wenige Minuten zu spät. Am Eingang werden wir freundlich begrüßt und in die Arena geleitet – 3x Handeschütteln, bevor wir auf den ausklappbaren, roten Plastikstühlen Platz nehmen. Die Band gefällt mir auf Anhieb sehr gut und sie wird sich noch steigern.

Pastorin Joanna begrüsst die Gäste und erklärt uns die Bedeutung von Ecclesia (die Herausgerufenen).

It,s not a building, not a denomination, but a group of called out people.

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Natürlich gibt es die Gelegenheit, seine Nachbarn kennen zu lernen (+ 2x Händeschütteln) Und ich bin mir noch sicherer, dass es eine Korrelation zwischen Willkommenskultur/Händeschütteln und Gemeindewachstum gibt. Hat das schon mal jemand untersucht??

Wer zum ersten Mal hier ist wird gerade von der Bühne gefragt – ein Zustand, den ich und viele andere als schwierig empfinden. Aber wir schauen uns als Familie kurz an und geben uns einen Ruck. Unsere Handzeichen haben undramatische Folgen – im Gegenteil. Wir bekommen das Willkommenspaket der Allnations mit Kontaktkarte. Auf dieser Tüte offenbart sich, dass analoge und digitale Welt eins sind. Weil ich nur ein Mensch bin, der sich mal da und mal dort bewegt. Wahlweise kann man den Kontakt per Email oder Handy suchen, wenn man das möchte.

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Die Allnations schafft es einladend, aber nicht aufdringlich aufzutreten. Kompliment, sie finden hier das gesunde Mittelmaß, das gelingt nicht vielen.

Anyway, heute haben die Kinder einen ganz großen Auftritt. Das Bild gibt das ganz gut wider.

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Im Anschluss ruft uns Pastor John in einer flammenden Predigt auf zu „Be the church“. Die 40 Minuten scheint auch unser Sohn nicht als zu lang zu empfinden.

Zum Schluss rockt die 12-Mann starke Band nochmal die Bühne.

Ich denke kurz darüber nach, ob das hier ein Pfingstgemeinde ist. Ich bremse mich sofort und versuche die Schublade erst gar nicht aufzumachen. Pastorin Johanna hat ja auch gesagt, wir Christen sind keine Denomination, kein Gebäude, sondern Herausgerufene.

Ich finde es richtig gut hier! Sieg durch KO – ich bin platt und sehr berührt. Voll Demut nehme ich schließlich noch den Segen von Pastor John mit, verabschiede mich von meinen Handshake-Bekanntschaften und halte beim Ausgang noch am „Get connected“ Stand an.

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Diese Intensität, die Emotionalität, die Begegnungen, der Beitrag der Kids und die tolle Musik, der weite Blick von Joanna und ein bisschen auch das Hören der Predigt – es klingt so banal – kann Digital in Summe nicht leisten. Glücklich verlassen wir nach über zwei Stunden die Box Arena.

3. Es gehört alles zusammen

Aber ohne die Recherche über eine Suchmaschine wäre ich nie hier gewesen. Später kommen wir sogar Digital wieder zusammen als ich mich per Tweet bedanke, die Allnations meinen Post retweetet und wir uns gegenseitig folgen: #getconnected jetzt auch auf Twitter.

bethechuch

Erkenntnisse, über die ich nachdenken muß:

Wenn die einladende Website nicht durch ein attraktives Erlebnis vor Ort abgedeckt wird, wird das nach hinten losgehen. Aber wenn sich der digitale SPIRIT auch im Gottesdienst widerspiegelt wird eine Schuh draus.

Auch hinter einer langweiligen Website kann ein toller Gottesdienst stehen.

Digital werden ist erstmal nichts. Digital werden um Menschen zu dienen ist eine Haltung, die die ganze Kirche/Gemeinde bewegt.

Auch ohne Website kann eine Gemeinde lebendig sein und wachsen, wenn sie eine Willkommenskultur lebt. Wobei ich schon meine, dass Willkommenskultur auch eine gepflegte Website mit schneller Ladezeit beinhaltet, aber gut.

Digital kann und wird immer mehr leisten können, aber nicht die gelebte Gemeinschaft von Gläubigen.

Netzgemeinden bitte sehr, da wo es Menschen logistisch oder mental nicht in die Ortsgemeinde schaffen (wollen) oder first mover etwas Neues ausprobieren.

Digitale Kirche ist eine Omnikirche – von Omnichannel (viele Kanäle). Genau so wie die Sparkasse je nach Bedarf Online, per Telefon oder als Filiale in Anspruch genommen wird.
Hausaufgabe: Geht nächsten Sonntag in eine andere Gemeinde und ihr werdet ganz bestimmt eine Menge lernen.

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