Es ist der 30. Oktober 2018 und kurz nach 19 Uhr. Seit einem Jahr blogge ich über Digitale Reformation / Kommunikation. Das ist der Grund, warum ich mich in den Livestream der Ev.-Luth. Kirchengemeinde in St. Jürgen klicke und versuche dem Redner zu folgen. Der Ton ist bisher nicht optimal ausgesteuert, was mich zu dem Gedanken verleitet, dass die Kirche im Digitalen Raum – ein Begriff, den ich in den vergangenen 12 Monaten lernen durfte – immer noch zu leise auftritt. Später wird der Ton besser und ich lausche Herrn Heilig, seinerseits Studienleiter der Ev. Akademie der Nordkirche.ist, der Videos und die Glaubwürdigkeit von Jana auseinanderpflückt. Es ist zwar offiziell ein Kanal der EKD, aber die meisten TheologInnen und hauptamtlichen der Kirchengemeinden stehen nicht dahinter. Viele mit denen ich persönlich gesprochen habe wünschten sich eine(n) Theologen/in als Influencer. Jürgen Heilig ist auch einer von diesen und mutmaßt gerade, dass Jana teilweise keine eigenen Texte vorträgt und spielt ein Video von Jana ein, die einem Ohrring nachtrauert.

Vor einem Jahr hatte ich in meinem ersten Post geschrieben, dass ich mir Sorgen um die Kirchen mache, weil sie Digital kaum stattfinden. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert. Angesichts der Frage einer entkirchlichten jungen Generation kann ich den Wunsch nach einem theologischen Influencer anstelle von Jana nur schwer deuten. Wie zäh der ganze Angang insgesamt ist wird klar, wenn man hinter die Kulissen blickt: Jana, die dem freikirchlichen Umfeld zugeordnet wird, wurde von einer YouTube-Agentur namens Mediakraft gecastet und wird von der EKD für ihre Videos bezahlt, siehe Kommentar vom 30. März.

Zurück zum Livestream: Jürgen Heilig versucht gar erst mit seiner Meinung nicht hinterm Berg zu halten und zitiert neben der Süddeutschen und Vice.com auch ein Video-Kommentar, der das Kunstwort „Verdummbibelung“ enthält. Es ist ihm einfach zu inszeniert, zu viel Marketing und zu wenig Soziales. An der Zielgruppe vorbei und zu wenig Leichtigkeit, zu angestrengt locker und überhaupt die Themen? Ich bin offenbar einer der wenigen Fans vom Projekt Jana, der Studienleiter findet scheinbar endlos Argumente (als Fragen getarnt) – Zweifel an der Strategie legt er noch oben drauf -, warum Janas Kanal ein Flop ist. Herr Heilig entlässt uns mit diesem Gegenteil von best practice in den nächsten Vortrag ohne ein einziges Wort zu sagen, wie man es besser machen kann. Wie erreicht die Kirchengemeinde St. Jürgen / die Nordkirche die 14-19-Jährigen oder ist die Entkirchlichung der Jugend bereits im Norden angekommen?

Ingo Dachwitz, Autor bei Netzpolitik und bekennender Gegner der Netzökonomie startet nach einer handwerklichen Einordnung mit einer persönlichen Einschätzung und findet Janas Videos – und schließt Herrn Heilig in einem Nebensatz mitein – hochgradig langweilig. Er saß offenbar nicht im YouTube-Projektteam der EKD. Fällt er hier als ehemaliger Jugenddelegierter der EKD-Synode seinen „Genossen“ von der GEP / AEJ gerade ein Stück weit in den Rücken frage ich mich? Kann ja jeder selbst nachschauen (ab Minute 60) und beurteilen.

Weiter im Stream: Christliche Inhalte und Identifikationsfiguren kommen seiner Meinung nach zwar auf YouTube nicht vor, aber Jana passt ihm auch nicht. Zum ersten Punkt: agree – und zum zweiten: Jana wird sich angesichts der kritischen Töne wohl auch bald wieder ihrem Poetry-Kanal widmen und einen Studentenjob suchen fürchte ich. Dann beginnt die EKD zumindest auf YouTube wieder nahe bei Null, richtig?

Nun muss ich schmunzeln: Ingo Dachwitz betritt „mein“ Terrain und bezeichnet MrWissen2Go als „einen der wenigen ernsthaften YouTuber“, er hat ihn auf einer kirchlichen Veranstaltung getroffen. Ist das nun Unwissen oder Überheblichkeit? Dreht man die Aussage um gibt es viele nicht ernsthafte YouTuber, korrekt? Dünnes Eis, auch wenn mir selbst nicht alles auf YouTube gefällt. Aber 2 Mrd. Menschen, so viele loggen sich bei YouTube jeden Monat ein, legen scheinbar weniger Wert auf Ernsthaftigkeit – klingt irgendwie elitär finde ich.

Zudem er urteilt hier über Menschen, die er selbst nie getroffen hat – ich aber einige schon. Creator, die mit viel Leidenschaft und teilweise großem künstlerischen und redaktionellem Anspruch ihren Traum leben, z.B.:

On top kommt natürlich, dass sich Herr Dachwitz über uns Zuschauer erhebt, die wir uns mit nicht ernsthaftem Content abgeben. Danke, das saß!

Wenn schon die jüngeren Referenten sich so abweisend über das Angebot aus dem eigenen Stall äußern („vorgaukeln“, „click-bait“, „Pseudo-Authentizität“) ohne einen einzigen Satz über mögliche Alternativen zu verlieren zeigt das die große Zerrissenheit und Verzweiflung innerhalb der Kirche(n). Zu viel Konjunktiv, zu wenig konstruktiv. Unter „Das späte Interesse der Kirche an den Chancen digitaler Kommunikation“, so der Untertitel des Livestreams, das hatte ich mir anders vorgestellt als Jana-Bashing und rückwärtsgewandter Alt-Herren-Talk, wie Olaf Ton wahrscheinlich gesagt hätte. Ich verabschiede mich als jemand, der einen eigenen YouTube-Kanal hat und weiß, wie schwer es ist, relevanten Content zu produzieren.

Ich kann nur hoffen, dass keine Teenies und Jugendlichen diesen nahezu empathiefreien Teil des Livestreams zu sehen bekommen oder schlimmer noch – im Publikum saßen.

Die ersten 3 Posts unter Janas letztem Video unterstreichen nochmal wie egozentrisch, einseitig oder unwissend die beiden Referenten unterwegs waren.

jana

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