Für die ersten zwei Stunden bin ich am 11. Februar 2019 in das Hansebarcamp in Hamburg-Altona eingetaucht. Wenn die Internet-Community der Nordkirch(n) sich so geballt trifft wird das bestimmt eine spannende Erfahrung. Und tatsächlich, die 120 Minuten haben sich gelohnt.

Der Reihe nach: Der Check-in wurde von den Pfadfinder durchgeführt, das gab direkt einen Pluspunkt. Man vergisst ja leicht, dass so ein kostenloses Camp vermutlich auch von einigen Freiwilligen mitgetragen wird. Catering, Räume, Technik, Moderation und die Twitterwall – alles war am Start. Aufräumen nicht zu vergessen!

Die Atmosphäre war einladend, ich fand sofort Anschluss unter ca. 100 TeilnehmerInnen. Der Löwenanteil schien hauptberuflich für Kirchens im weiteren Sinne zu arbeiten, es gab aber auch LehrerInnen und Sponsoren – oder heißt es SponsorInnen? Und LöwInnenanteil? Egal, Vernetzung hat gut funktioniert.

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Von Berlin bis Oldenburg kommen die Digitalexperten – und von noch weiter her.

Das Timing haben die Veranstalter sehr gut im Griff, sie starteten mit einer persönlichen Vorstellungsrunde. Das gab mir einen guten, ersten Eindruck, mit wem ich es hier zu tun habe.

Die unterhaltsame Keynote von Martin Fehrensen könnt ihr besser beim Bericht der Nordkirche nachlesen. Der Überblick mir gut gefallen, allerdings wurde aus meiner Sicht nicht ganz deutlich, ob er jetzt für oder gegen ein kirchliches Social Media Engagement ist. War vielleicht auch gar nicht gebrieft, es ging mehr um die allgemeinen Trends.

Martin hat jedenfalls mehrmals den Begriff „Fahrwasser“ für Facebook & Co. verwendet, dessen man sich bewusst sein müsste. Das ist erstmal ein guter Ansatz, aber eine klare Haltung hätte nicht geschadet. TikTok, bist Du nun eine Option oder wirst Du nur zur Abschreckung gezeigt, damit wir sehen, wie schlimm und exponiert soziale Plattformen betrieben werden. Martin hat nach der Keynote eine Session zum Thema Facebook-Gruppen angeboten, daher ist er vermutlich (unter bestimmten Bedingungen) vermutlich durchaus für den Einsatz von Social Media.

By the way: Bei Facebook Inc. arbeitet die gläubige Nona Jones als Global Faith-Based Partnerships Leader @facebook daran, christliche Communities zu entwickeln. In den USA haben die Facebook-Gruppen einen viel größeren Stellenwert, das lässt sich nicht mit Deutschland vergleichen.

Da TikTok auf großes Interesse gestoßen ist mache ich hier kurz Werbung für meinen Blogpost vom November (inklusive Tipps, was wir von China lernen können).

Leider konnte ich nur bis zur Vorstellung und Konsolidierung der Sessions bleiben. Aber großartig, wie hoch die Beteiligung und die Vielfalt der Themen war. Meine persönliche Nummer 1: Einen Gottesdienst partizipativ gestalten mit Hilfe von Design Thinking. Da es viel zu viele Themen gibt werden pragmatisch Sessions zusammengelegt. Mein Favorit z.B. fusionierte mit einem interaktiven Gottesdienst, der schon in der Hamburger St. Nicolai Kirche stattgefunden hat mit der Hilfe von Sublan.tv. Aber auch die Sessions Chatbots, Insta, Crowdfunding, Podcasts / Vlogging und klangen super spannend!

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Was mir an dem Barcamp gut gefallen hat:

  • Das Mindset mit- und voneinander zu lernen.
  • Die Vielfalt der Teilnehmer und Themen, denn wir sind eine vielfältige Kirche
  • Der Praxisbezug! Da wurde z.B. – so vermute ich zumindest – live an einem Prototypen für ein Jugendportal gearbeitet.
  • Die Bereitschaft zusammen zu arbeiten in dem Sinne, dass ich nicht davon ausgehen dass meine Session exklusiv nur ein Thema behandeln wird
  • Das Barcamp war sehr basisnah und demokratisch. Mit Theologie, Theorie und Fußnoten habe ich keinen Vertrag, daher kam mir die Form sehr entgegen.
  • Das offene und zugleich professionelle Auftreten des Orga-Teams, das sorgte für eine kollaborative, gute Atmosphäre. Auch die digitale Begleitung bzw. Nachbereitung war klasse.
  • Und last but not least: Ich habe Optimismus gespürt. Ich dachte immer Theologen können nur analytisch-urteilend  und „ja, aber“. Das war hier nicht so oder es waren einfach keine Theologen? JA, ich habe Vorurteile. Vielleicht sollte ich mehr auf Barcamps abhängen und weniger auf Twitter?! Deal.
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Bei der Sessionvorstellung bildete sich eine lange Schlange – ein gutes Zeichen!

Was ich an Tipps geben würde, wenn mich jemand fragt:

  • Duzen erleichtert die Zusammenarbeit, das könnte man einfach bei der Begrüßung einführen oder als Punktesystem ergänzen (Hintergrund: ein roter Punkt bedeutete, dass man nicht fotografiert werden möchte).
  • Ein spielerisches Element hätte ich mir zu dem Format gut vorstellen können. Lockert auf, fördert das kreative Denken und die Durchblutung. Eine Giraffe hinter dem Rücken aus Papier basteln in einer Minute oder sowas.

Fazit: Auf Twitter lese ich viel Konjunktiv und wir brauchen dies und jenes im Kontext der DigitaleKirche. Und theologische Abhandlungen und in einer Sprache, die ich oft nicht verstehe. Beim Barcamp habe ich mich besser aufgehoben gefühlt: Menschen, die MACHEN wollen, die anpacken können und im positiven Sinne normal sind. Naja, ich habe ja nur ein paar wenige gesprochen – also bleibt es ein sehr persönlicher Eindruck.

Meine Überzeugung ist: Jede Theologie und Theorie löst sich in Luft auf sobald sie auf Menschen trifft. Daher zügig ran an das Objekt – und weniger Fußnoten!

Vielen Dank #Hansebarcamp! De Zeit, die ich dabei sein konnte war richtig gut!

 

 

Das Thema Weihnachten kommunikativ digital zu besetzen ist bisher v.a. eine Kompetenz von Elektronik-Händlern und Lebensmittel-Einzelhändlern gewesen. Siehe Blogpost zu Weihnachten 2017 von vor einem Jahr.

Mitte Dezember ist es dem Bistum Essen gelungen durch eine kreative Einladung zum Weihnachts-Gottesdienst weit über die Bistumsgrenzen hinaus Buzz zu kreieren.

Nicht nur die knapp 100.000 Views sind bemerkenswert (der geschätzte Durchschnitt liegt eher um die 400), sondern vor allem das große Presseecho darunter die Bild und Sat1 Fernsehen. Der YouTube-Kanal zeigt insgesamt, dass hier keine Anfänger am Werk sind: Preacher Slams, Sprachtipps, ein Pfingsten-Erklärvideo und Playmobil Stories machen Appetit darauf, die Gemeinde kennen zu lernen. Mir persönlich gefällt das Video zum Pfarreientwicklungsprozess auch sehr gut.

Was haben die pfiffigen Social Media Redakteure des Bistums richtig gemacht? Aus meiner Sicht 3 Dinge:

Keine Scheu Risiko einzugehen: Dieses Experiment hätte auch schief gehen können. Das Bistum war mutig und erntet viel Lob – auch von Atheisten (siehe Video-Kommentare). Die Kritiker finden sich eher unter den Gläubigen.

Achte auf das Timing: Das Video wurde etwa eine Woche vor Weihnachten hochgeladen. Für die Presse eine Meldung wert, vielleicht weil man vom Bistum Essen so gute Unterhaltung nicht erwartet hat. Die Wahrscheinlichkeit als Kirche Aufmerksamkeit zu bekommen ist an den großen, christlichen Feiertagen am höchsten.

Sei kreativ: Es wurde hier die sogenannte Mash-up Kreativitästechnik angewendet (wahrscheinlich unbewusst). Zwei Dinge oder Branchen werden gemixt und es kommt etwas Neues dabei heraus. Was Kreativität bewirken kann zeigt das Beispiel Bistum Essen sehr deutlich: Sichtbarkeit in einer mit Informationen überfluteten Welt.

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Quelle: IDEO, Mash-up Technik: Gottesdienst + Flugsicherheit = Weihnachts-Video

Bin gespannt, ob der ein oder andere Essener zwischen Playstation- und Edekawerbung die Einladung zum Weihnachtsgottesdienst gesehen hat und sogar annehmen wird.

Hier findet ihr den Pressetext des Bistums Essen.

Ist Facebook das nächste MySpace? Zumindest mit Blick auf die Zahlen in Europa deutet sich eine Trendwende an. In den jüngst veröffentlichten Quartalszahlen beeindruckte der Konzern zwar mit einem 33%-tigen Umsatzplus auf 13,7 Milliarden Dollar, konnte aber in Europa überhaupt kein Nutzerwachstum generieren , sondern hat sogar 1 Millionen Nutzer verloren und zwar auf täglicher- als auch auf monatlicher Basis.

Wer Kinder im Teenageralter hat weiß, dass es das soziale Netzwerk Facebook in Zukunft schwer haben wird. Zum einen wächst die Bedeutung des hauseigenen Fotodienstes Instagram rasant (Quelle: futurebiz). Mittlerweile dürfte die Reichweite bei 20 Mio.

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Nutzern in Deutschland liegen (MAU=monthly active users). Und dann ist da dieses Tik Tok? Die Plattform versteht sich als Social Network mit Schwerpunkt Musik (v.a. Lippen-synchronisation von populären Songs) und Tanz. Nach eigenen Angaben „..designed for the next generation of creators.“

Da die Social Media Welt so schnelllebig ist möchte ich eine weitere Trendwende in den Fokus nehmen, die vielleicht einige nicht ganz so auf dem Schirm haben: „Rising China“.

Tik Tok hat im September zum ersten Mal Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat in monatlichen Installationen überholt hat – in den USA. Das ist insofern erwähnenswert, da es sich bei Tik Tok um eine Video Sharing App mit chinesischen Eigentümer handelt. Die Firma Bytedance hat 2017 Tik Tok und musical.ly „gemerched“, um den US-Markt zu erobern, scheinbar mit Erfolg. Tik Tok war schon im Q1/2018 die Nummer 1 der Non-Gaming Apps im Apple Store, Zielgruppe sind ausschließlich an Teens und Twens. Zum Vergleich: Tik Tok hatte im Juli 2018 500 MAUs und ist damit (noch) etwa halb so groß wie Instagram. Beide sind wie auch Snapchat als Mobile First Produkte entwickelt worden.

Spannend ist Tik Tok vielleicht für Religionspädagogen. Offensichtlich lieben Teens und Twens (immer noch) Musik, Tanzen und die Selbstinszenierung. Ich habe selbst keine Töchter, habe aber gehört, dass sich v.a. die Nutzerinnen ziemlich aufbrezeln auf der Suche nach Likes und um wahrgenommen und gemocht zu werden. Unternehmen wie Beiersdorf haben bereits Kampagnen für 8×4 getestet. „Money follows eyeballs“ heisst es bei uns in der Kommunikationsbranche. Kirche follows …? Datenschutz? Schwierig, den Satz auf Kirchens zu übertragen, oder?

Ein Wort zu Bytedance, der Firma hinter Tik Tok: Bytemod Pte Ltd., so der offizielle Name, ist ein chinesisches Unternehmen für Internettechnologie, das mehrere auf maschinellem Lernen basierende Content-Plattformen betreibt. Das Kernprodukt von ByteDance, Jinri Toutiao, ist eine beliebte Content-Plattform in China. Bytedance nutzt auch für Tik Tok künstliche Intelligenz, um Inhalte basierend auf dem Interesse der Nutzer in Echtzeit zu verbreiten.

Und gut zu wissen: 4% der Unicorns außerhalb der USA kommen aus Deutschland, 52% aus China. Just saying. Wer mehr Interesse an globalen Entwicklungen und insbesondere dem aufstrebenden China hat, dies ist ein sehr lesenswerter Artikel auf gruenderszene.de zum Thema Start-Ups go East!

Autor Olaf Rotax (arbeitet im globalen Accenture-Netzwerk) gibt 8 Tipps, was Deutsche von den Start-Ups in Fernost lernen können – hier die Kurzfassung.

  1. Chinesische Schnelligkeit
  2. Iterative Prozesse als Erfolgsgeheimnis
  3. Förderungsmöglichkeiten sind der Treiber
  4. Der User steht im Mittelpunkt
  5. Innovative Technologien sind der Schlüssel
  6. Fehlendes Know-How muss kein Hindernis sein
  7. Integration digitaler und physischer Komponenten in Ökosysteme
  8. Open Source als Innovationstreiber

Während hierzulande noch die Offenlegung der Algorithmen und Zerschlagung der GAFA-Plattformen gefordert wird nutzen einige unser Töchter und Söhne vielleicht schon ein Jahr eine App, die nach den Privacy Regeln der Chinesen funktioniert. Das führt mich zu der Frage des Datenschutzes – werden Nutzer außerhalb von China schon im Social Scoring erfasst? I don’t know… Es gilt einmal mehr: User Experience schlägt Datenschutz. Datenschutz ist sicher wichtig, darf aber kein Selbstzweck sein. Die Balance zu finden, das ist die Kunst.

Noch nicht mit dem Überwachungssystem der Chinesen vertraut? Dann empfehle ich den Artikel „Big Brother takes giant steps in China“ als Einstiegslektüre.

Wenn wir nicht anfangen unseren Blick viel stärker nach Osten zu wenden und wir uns in Deutschland weiter auf dem Erfolg der letzten Jahrzehnte ausruhen wird es schwer. Das Gute sollten wir übernehmen und gegen die Überwachung Stimmung machen. Meiner Meinung nach besteht in beiden Richtungen – Innovation und Big Brother – Handlungsbedarf, den unsere Politik noch nicht erfasst hat.