Tik Tok: Die Post Facebook-Ära?

Ist Facebook das nächste MySpace? Zumindest mit Blick auf die Zahlen in Europa deutet sich eine Trendwende an. In den jüngst veröffentlichten Quartalszahlen beeindruckte der Konzern zwar mit einem 33%-tigen Umsatzplus auf 13,7 Milliarden Dollar, konnte aber in Europa überhaupt kein Nutzerwachstum generieren , sondern hat sogar 1 Millionen Nutzer verloren und zwar auf täglicher- als auch auf monatlicher Basis.

Wer Kinder im Teenageralter hat weiß, dass es das soziale Netzwerk Facebook in Zukunft schwer haben wird. Zum einen wächst die Bedeutung des hauseigenen Fotodienstes Instagram rasant (Quelle: futurebiz). Mittlerweile dürfte die Reichweite bei 20 Mio.

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Nutzern in Deutschland liegen (MAU=monthly active users). Und dann ist da dieses Tik Tok? Die Plattform versteht sich als Social Network mit Schwerpunkt Musik (v.a. Lippen-synchronisation von populären Songs) und Tanz. Nach eigenen Angaben „..designed for the next generation of creators.“

Da die Social Media Welt so schnelllebig ist möchte ich eine weitere Trendwende in den Fokus nehmen, die vielleicht einige nicht ganz so auf dem Schirm haben: „Rising China“.

Tik Tok hat im September zum ersten Mal Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat in monatlichen Installationen überholt hat – in den USA. Das ist insofern erwähnenswert, da es sich bei Tik Tok um eine Video Sharing App mit chinesischen Eigentümer handelt. Die Firma Bytedance hat 2017 Tik Tok und musical.ly „gemerched“, um den US-Markt zu erobern, scheinbar mit Erfolg. Tik Tok war schon im Q1/2018 die Nummer 1 der Non-Gaming Apps im Apple Store, Zielgruppe sind ausschließlich an Teens und Twens. Zum Vergleich: Tik Tok hatte im Juli 2018 500 MAUs und ist damit (noch) etwa halb so groß wie Instagram. Beide sind wie auch Snapchat als Mobile First Produkte entwickelt worden.

Spannend ist Tik Tok vielleicht für Religionspädagogen. Offensichtlich lieben Teens und Twens (immer noch) Musik, Tanzen und die Selbstinszenierung. Ich habe selbst keine Töchter, habe aber gehört, dass sich v.a. die Nutzerinnen ziemlich aufbrezeln auf der Suche nach Likes und um wahrgenommen und gemocht zu werden. Unternehmen wie Beiersdorf haben bereits Kampagnen für 8×4 getestet. „Money follows eyeballs“ heisst es bei uns in der Kommunikationsbranche. Kirche follows …? Datenschutz? Schwierig, den Satz auf Kirchens zu übertragen, oder?

Ein Wort zu Bytedance, der Firma hinter Tik Tok: Bytemod Pte Ltd., so der offizielle Name, ist ein chinesisches Unternehmen für Internettechnologie, das mehrere auf maschinellem Lernen basierende Content-Plattformen betreibt. Das Kernprodukt von ByteDance, Jinri Toutiao, ist eine beliebte Content-Plattform in China. Bytedance nutzt auch für Tik Tok künstliche Intelligenz, um Inhalte basierend auf dem Interesse der Nutzer in Echtzeit zu verbreiten.

Und gut zu wissen: 4% der Unicorns außerhalb der USA kommen aus Deutschland, 52% aus China. Just saying. Wer mehr Interesse an globalen Entwicklungen und insbesondere dem aufstrebenden China hat, dies ist ein sehr lesenswerter Artikel auf gruenderszene.de zum Thema Start-Ups go East!

Autor Olaf Rotax (arbeitet im globalen Accenture-Netzwerk) gibt 8 Tipps, was Deutsche von den Start-Ups in Fernost lernen können – hier die Kurzfassung.

  1. Chinesische Schnelligkeit
  2. Iterative Prozesse als Erfolgsgeheimnis
  3. Förderungsmöglichkeiten sind der Treiber
  4. Der User steht im Mittelpunkt
  5. Innovative Technologien sind der Schlüssel
  6. Fehlendes Know-How muss kein Hindernis sein
  7. Integration digitaler und physischer Komponenten in Ökosysteme
  8. Open Source als Innovationstreiber

Während hierzulande noch die Offenlegung der Algorithmen und Zerschlagung der GAFA-Plattformen gefordert wird nutzen einige unser Töchter und Söhne vielleicht schon ein Jahr eine App, die nach den Privacy Regeln der Chinesen funktioniert. Das führt mich zu der Frage des Datenschutzes – werden Nutzer außerhalb von China schon im Social Scoring erfasst? I don’t know… Es gilt einmal mehr: User Experience schlägt Datenschutz. Datenschutz ist sicher wichtig, darf aber kein Selbstzweck sein. Die Balance zu finden, das ist die Kunst.

Noch nicht mit dem Überwachungssystem der Chinesen vertraut? Dann empfehle ich den Artikel „Big Brother takes giant steps in China“ als Einstiegslektüre.

Wenn wir nicht anfangen unseren Blick viel stärker nach Osten zu wenden und wir uns in Deutschland weiter auf dem Erfolg der letzten Jahrzehnte ausruhen wird es schwer. Das Gute sollten wir übernehmen und gegen die Überwachung Stimmung machen. Meiner Meinung nach besteht in beiden Richtungen – Innovation und Big Brother – Handlungsbedarf, den unsere Politik noch nicht erfasst hat.

 

EKD goes YouTube – ein Kommentar

Diese Woche hat die EKD über das Gemeinschaftswesen der Evangelischen Publizistik (GEP) und die Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend (AEJ) bekannt gegeben einen YouTube-Kanal aufzubauen. Als Creator wurde die Medizinstudentin und Poetry-Slammerin Jana Highholder gewonnen. Als weiterer Partner ist das Multi-Channel-Netzwerk Mediakraft an Bord geholt worden.

Die Akteure

GEP: Die Unsicherheit schwingt schon zwischen den Zeilen mit, Jörg Bollmann klingt zugleich verhalten und entschlossen:

„Glaube und Youtube, evangelisch und soziale Medien, Religion und Video: Geht das zusammen?“, fragt GEP-Direktor Jörg Bollmann und gibt die Antwort selbst: „Wir wissen es nicht wirklich und noch nicht, wir hoffen es aber! Sicher ist, es gibt auf Youtube viel zu wenig davon. Das wollen wir ändern.“

Für die GEP bedeutet dieser mutige Schritt ein Verlassen der Komfortzone. Sie betritt das Haifischbecken der globalen Plattformen YouTube, Facebook inklusive Instagram mit dem Ziel junge Menschen zu erreichen. Ein überfälliger Schritt!

AEJ: Die aej ist die Dachorganisation der Evangelischen Jugend und steht nach eigenen Angaben für mehr als eine Million junger Menschen. AEJ-Generalsekretär Mike Corsa liegt meiner Meinung nach richtig, wenn er feststellt, dass Sinnfragen auf YouTube bisher kaum gestellt werden.

„Das wollen wir mit dem neuen Youtube-Kanal ändern, um im Alltag junger Menschen mit unseren Antworten auf ihre Sinnfragen präsenter zu werden.“

Die Kombination aus einem Publizistik- und Jugendverband klingt zunächst sinnvoll, kann aber auch zu zusätzlicher Komplexität beitragen. Aber das dürfte innerhalb der EKD eine bekannte und machbare Herausforderung sein. Als dritte Partei haben sich die beiden einen YouTube bzw. Social Media Influencer Experten ins Boot geholt.

Mediakraft: Multichannel Netztwerke (MCNs) betreuen und vermarkten Social Influencer, sie bilden sie aus und vernetzen sie untereinander. Das Geschäftsmodell hat sich in den letzten Jahren (gezwungenermaßen) immer wieder verändert. MCNs sind kommerzielle Unternehmen, die ihr Geld im wesentlichen mit der Vermittlung bezahlter Werbung und Product Placements verdienen. Weitere Einnahmequellen sind Digitalkonzepte und -produktionen. Mediakraft hat insbesondere 2015 viele große YouTuber verloren und gehört sein 2017 zu gamigo, einem deutschen Publisher für Browserspiele.

MCNs sind mit dem Aufkommen der großen YouTuber immer wieder in die Kritik geraten, weil sie Influencer wie Littfaßsäulen an die großen Werbetreibenden vermarktet haben. Viele Creator haben darauf allergisch reagiert, da sie ihren Content aus Leiderschaft und nicht aus kommerziellen Gründen hochladen. Sie verstehen sich als Künstler, Redakteure und Kreative – das passte oft nicht zum Vermarktungsansatz der MCNs. Alle Beteiligten haben inzwischen dazu gelernt. Heute steht Mediakraft für Branded Channels, das sind Auftritte von Marken und Organisationen in den sozialen Medien, die  – grob gesagt – zwischen Werbung und redaktionellem Inhalt liegen. Der wahrscheinlich bekannteste ist Branded Channel auf YouTube ist Coke.TV. Sehr erfolgreich ist auch der Kanal der Bundeswehr.

Jana Highholder: Die erst Anfang 20-jährige Medizinstudentin ist ein Multitalent. Neben ihrem Studium ist sie auf Poetry Slam Tournee und promotet ihr eigenes Hörbuch „Ebbe und Flut“. Sie hat einen eigenen YouTube-Kanal auf dem ihre sechs Videos auf ca. 100.000 Views kommen.

Christlicher Poetry Slam ist neben der Musik ein Bereich, der gut funktioniert. Der größte deutsche Kanal hat über  7.700 Abonnenten und nennt sich Redeemed.

Jana ist auch auf Facebook und Instagram gut unterwegs, hat sogar ihren eigenen kleinen Shop auf ihrer Website.

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Fazit: Die EKD packt’s an, das gefällt mir. Ein Synodenbeschluß ist nichts wert, wenn man nichts umsetzt. Oder eine Idee nur ein Prozent der Umsetzung.

Der Kanal ist zwar kein organisches Gewächs, sondern hat eher etwas von einer Kampagne, aber wichtig und richtig ist irgendwo zu starten. Ich gehe davon aus, dass aus diesem Projekt jede Menge Learnings gezogen werden, die für die weiteren digitalen Aktivitäten der EKD enorm hilfreich sein werden.

Das Potential ist groß mit der EKD-Maschinerie im Hintergrund. Und ich halte Jana für eine medientaugliche Botschafterin, die etwas zu sagen hat. Viel Erfolg!

 

Franziskus & Bibi – was man von diesen Influencern lernen kann: #DigitaleKirchekonkret

Mit 569k Followern in Deutschland ist der Papst wahrscheinlich der Geistliche mit der grössten Reichweite auf Twitter. Und zwar mit Abstand: Die Rangobersten der lokalen Landeskirchen sind mit 3,4k (Bedford-Strohm, EKD) bzw. nicht dabei (Marx, Katholische Kirche) eher abgeschlagen. Der EKD-Ratsvorsitzenden hat bei meiner Stichprobe allerdings die besseren Engagment-Werte (= (Likes + Shares + Comments) / Follower). Das spricht dafür, dass er eine qualifizierte Followerschaft hat, soweit man das aus dieser Stichprobe (n=4) überhaupt sagen kann.

So kann man sich das besser vorstellen:

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Mich begeistert, dass der Papst Twitter als Leitmedium nutzt und jeden Tag den Kontakt mit potentiell knapp 43 Millionen Followern in 9 Sprachen sucht. Gerade weil Twitter im deutschsprachigen Raum gar nicht so verbereitet ist sind die halbe Million um so bemerkenswerter.

Warum die YouTuber auf Twitter, das hierzulande als reichweitenschwaches Medium mit Kernzielgruppe Journalisten und Multiplikatoren so weit vorne und auf Augenhöhe mit dem Angebot von Spiegel, die Zeit und Tagesschau sind ist mir ein Rätsel.

Hier eine Liste der Top Twitterer in Deutschland (aus der Brille von Journalisten & Medienmachern).

Schauen wir uns mal an, was auf YouTube funktioniert. Vielleicht gibt es Hinweise darauf, wie es die über einhundert YouTube Abo-Millionäre auch auf Twitter geschafft haben die Million zu knacken.

Es gibt auf YouTube 3 Kategorien, die sich als besonders erfolgreich hervor getan haben:

#1: Unterhalten – Musik, Gaming usw.

Unterhaltung brauche ich nicht erklären, Ed Sheeran kommt in in Monaten auf 3 Millarden views, das spricht für sich selbst.

#2: Informieren und unterrichten

Diese Kategorie antwortet auf konkrete Suchanfragen – YouTube ist die zweitgrösste Suchmaschine der Welt. Die Beliebtheit von den seogenannten „How-to-Videos“ ist auch hierzulande groß. Weltweit gibt es etwas mehr als 135 Millionen* How-to-Videos.

Kennt ihr Daniel Jung und seine über 2.200 Mathe Tutorials? Einfach mal nach Satz des Pythagoras auf YouTube suchen. Der Kanal bringt es auf knapp 350.000 Abonnenten und über 100.000.000 Views. Nach Hilfestellung in Mathe wird offensichtlich häufiger gesucht.

#3: Inspirieren – Content, mit emotionalen Geschichten, Überraschungen

Auch bei den How-to-Videos geht der Papst voran: Auf Facebook erklärt er Kindern und Erwachsenen, wie man sich richtig bekreuzigt.

Die Magie von Bewegtbild ist die Nähe, die das Medium zum Betrachter aufbaut. Das kann kein Bild und kein Text leisten. Bibis Follower und ihre 4,7 Millionen YouTube Abonnenten nehmen Bianca Heineke aka Bibi als Freundin wahr, die sie gut zu kennen glauben. Es entsteht eine Beziehung über ihre Vlogs & Co., die Bibi zu einem Teenie-Star und einem der einflussreichsten Social Influencer gemacht hat.

Deshalb ist das Thema Bewegtbild der Social Media Trend Nummer im nächsten Jahr.

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Quelle: Socialmediatoday 2017

How-to-Videos oder Erklärvideos wären ein konkreter Ansatz, um in den socialen Medien Menschen zu erreichen, die z.B. nach der Bedeutung des Weihnachtsfestes suchen. Wie es darum steht, dass zeigt ein Feldtest in Berlin:

Ich suche nach weiteren Beispielen aus der christlichen Hemisphäre, wo gute Digitale Konzepte umgesetzt wurden. Die würde ich gerne auf meinem Blog highlighten und als Blaupause für potentielle Nachahmer sammeln. Ideal wäre, wenn durch Fakten belegt wird, dass es ich um einen Erfolg handelt.

#DigitaleKirchekonkret

*Quelle: YouTube Creator Academy

Die Weihnachtsbotschaft 2017

Mit emotionalen Weihnachtsgeschichten die Beziehung zum Kunden stärken, das ist ein Trend auf den immer mehr Marken aufspringen. Viele der 40 Millionen Youtube-Nutzer werden einen der folgenden Spots in diesem Monat sehen. Wo eigentlich finde ich eine Botschaft zum Thema Weihnachten von den Kirchen oder Ortskirchen?

Hier eine Auswahl:

Marke: IKEA; Thema: Jesus; Views am 01.12.2017: 1,975 Millionen

Marke: OTTO; Thema: Gemeinsam; Views am 01.12.2017: 2,004 Millionen

Marke: EDEKA; Thema: Ohne Liebe ist es nur ein Fest; Views am 01.12.2017: 1,415 Millionen

Marke: SATURN; Thema: Demenz; Views am 01.12.2017: 2,004 Millionen